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Überraschend denken - Buchpremiere mit Vitaly Malkin

Aktualisiert: 1. Okt 2018

Die düsteren Gänge, die schließlich in das Politbüro in der zweiten Etage des Soho House Berlin führen, symbolisieren den Weg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Krise zum aufgeklärten Licht. So zumindest könnte ein Satz in einer Rezension zu Vitaly Malkins neuem Buch „Gefährliche Illusionen“ lauten, das am Montag, 24. September 2018, in Berlin vorgestellt wurde. Etwa sechzig Interessierte waren an diesem Tag gekommen, um das philosophische Debüt des russischen Philanthropen kennenzulernen. Verleger Robert Eberhardt begrüßte den Autor als einen Kämpfer für freies Denken, als einen Fragensteller, der durch die Radikalität seines Neudenkens all unsere Glaubenssätze in Frage stellt. Der Leser könne dann entscheiden, ob er ihm folge oder nicht, wie Argumente und Wahrheiten wirkten.


Malkin hat ein Buch herausgebracht, in dem er die Gegenwart für ihren Rückfall zu religiösen Dogmen und politischen Ideologien kritisiert. Sein über Jahre gesammeltes Wissen zu christlichen, jüdischen und arabischen Glaubensregeln versucht er als Ursache für die heutige soziale Kälte, immer wieder aufkochende Konflikte und die Existenz des Bösen in der Welt darzustellen.


Die Publizistin Hatice Akyün begann an diesem Abend ihr Gespräch mit Vitaly Malkin mit einer formalen Frage: Warum im deutschen Untertitel der Begriff der Vernunft statt in der englischen Version des Buches der Religion stehe? Malkin betont seine Liebe zur deutschen Kultur, speziell die Wissenschaft und seine und „unsere“ Liebe zur Rationalität, welche er in der deutschen Buchversion stark machen möchte. Wie Einstein beruft er sich auf Spinoza, der schon im siebzehnten Jahrhundert forderte, sich von der geistigen Selbstgeißelung zu lösen und das Denken zu befreien.


Moderatorin Akyün sah in Malkins „Gefährliche Illusionen“ einen kritischen, analysierenden Essay, der Lösungsvorschläge für unsere Zeit gibt, einer Zeit, in der die westlichen Werte von innen und außen angegriffen werden und gleichzeitig hinterfragt werden sollten. Malkin sieht die Religionen als die Verursacher dieses Dilemmas: „Wenn die Menschen ihre Energie, die sie seit Jahrtausenden für ihre Religionen und gegenseitige Abgrenzung investierten, für den eigenen Fortschritt nutzen würden, gäbe es die schon lang anhaltenden Konflikte gar nicht.“ Selbstmitleid und political correctness schaffe keine Weiterentwicklung, sondern eine Stagnation der Gesellschaft.


Die Rolle des Autors sei für Vitaly Malkin noch neu, wie er feststellte. In der UdSSR als Physiker tätig, wurde er nach dessen Untergang Bankier und Unternehmer. Mit der von ihm gegründeten „Fondation Espoir“ spendet er jährlich einige Prozent seines Vermögens in das Engagement gegen die Genitalverstümmelung der Frau in Afrika. Auch wenn er ein Philanthrop sei, wie ihn Akyün nannte, bestehe ein Unterschied zwischen Philanthropie und „Spenden, um seine Schuldgefühle vergessen zu machen“. Im Buch führt er diese These weiter aus und warnt davor, sich als Weltpolizei und Wohlfahrt für „schwache“ Staaten aufzuspielen.


Die fundamentale Ausprägung von Religion ist für den „Soldaten des Laizismus“ Malkin der größte Feind des vernünftigen Denkens. Er betrachte die anhaltenden und neu aufkommenden Konflikte zwischen Juden, Muslimen und Christen mit großer Sorge. Sein größter Freund dagegen sei Friedrich Nietzsche, dessen Texte ihn immer wieder im Laufe seines Lebens begegneten. Das Selbstbewusstsein und die ungezwungene Individualität Nietzsches imponiere Malkin.


Religionskritik, philosophischer Gedankengang, die private Denkwelt eines kosmopolitischen Superreichen? Ganz klar lässt sich Vitaly Malkins Buch nicht einordnen, was es gerade spannend macht. Am ehesten ist es sicherlich ein Plädoyer für die Vernunft, ein Buch, das ein wildes Denken präsentiert, welches sich nur ein absolut unabhängiger Geist überhaupt erlauben kann.


Das Gespräch mit Hatice Akyün neigte sich dem Ende zu, der russische Gast, der erst zum zweiten Mal in seinem Leben in Berlin ist, berichtet augenzwinkernd über den Verkauf seines Buches in Spanien: sein Buch stehe in den Bücherregalen zwischen denen des Papstes. Wo er denn seine Bücher in deutschen Buchhandlungen vermute, fragt Akyün. Vielleicht neben denen von Merkel, entgegnete er.


Ein kritischer Außenstehender und ein durch seine Biografie absolut freier Denker, der dem „Westen“ mittels zynischer und ironischer Spitzen seine Weltsicht und Lösungsvorschläge präsentiert, amüsiert und bewegt an diesem Abend seine Zuhörer. Viele seiner Sätze tragen Ausrufezeichen, keine Fragezeichen. Vitaly Malkin liebt es Setzungen zu machen, Behauptungen aufzustellen, und damit seine Zuhörer und Leser zu überraschen oder auch zu schocken. Das ermuntere zur Diskussion, das ermögliche alles neu zu denken. Malkin berichtet über seine Hoffnung: dass möglichst viele Leser anhand der Lektüre seines Buches kurz verwirrt sein und sich ihre eigenen Gedanken machen sollten.


Maximilian Gränitz




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