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Bienchen, Pendelheft und POS - Fremdsprachenunterricht in der DDR

Alexander-Martin Sardina, Autor des neuen Wolff-Verlag-Buches ‚Hello, girls and boys!’ – Fremdsprachenunterricht in der SBZ und DDR, begann vor 16 Jahren mit seinem Forschungsprojekt, mit dem er schließlich im Januar 2017 an der Uni Hamburg promoviert wurde. Das Thema war zur Jahrtausendwende noch kaum erforscht. Es führt schon bei den ersten Überlegungen zu Irritationen: Welche Rolle spielten wohl Fremdsprachen in einem Land, das sich mit einer Mauer und schwer bewachten Grenzen isolierte und das alle Reisen seiner Bürger streng und formalistisch reglementierte? Warum sollte man im Sozialismus überhaupt Englisch oder Französisch lernen, die wichtigsten Sprachen des bösen kapitalistischen Westens?


Erstaunlicherweise stieß der Autor schon zu Beginn seiner Forschungen auf ein großes, fast vollständiges Konvolut an Akten und Dokumenten, die er hauptsächlich mit Hilfe ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DDR-Volksbildungsministeriums und früheren Zentralen Staatsarchivs der DDR erschließen konnte. Das Ziel des Fremdsprachenunterrichts in der DDR war es, Kommunikationsmittel zur Optimierung der Außenhandelswirtschaft zu sein und bei der Erwirtschaftung harter Währungen, den begehrten Devisen, zu helfen: Reisewünsche von DDR-Bürgern nach Großbritannien, Frankreich oder in die USA sollten, beispielsweise durch den bekannten Englisch-Fernsehkurs English for You ab Mitte der Sechzigerjahre, nicht geweckt werden.



So entwickelte sich nach einiger Zeit aus der Forschungsaufgabe ein Langzeitprojekt, wie sich eindrucksvoll auf der ersten öffentlichen Präsentation des Buches in der kultigen Berliner Espresso-Bar Mörder (Torstraße 199, Nähe U-Bahn Oranienburger Tor) feststellen ließ. Sardina verstand es dabei, das wissenschaftliche Thema und die oft bürokratischen und formalistischen Abläufe im Bildungsministerium anhand durchaus humoristischer Beispiele für das Publikum verständlich und lebendig zu machen. Zahlreiche Aussagen von Zeitzeugen ergänzen die Befunde aus den Akten und Archiven. Die Interviews mit den drei Zeitzeugen Claus Küchenmeister, Arpad Serner und Karl-Heinz Stüfe, die ungekürzt in ‚Hello, girls and boys!’ abgedruckt sind, stellen wichtige neue Quellen für die DDR-Forschung dar, die persönliche Einblicke geben und unbekannte Fakten benennen.


Der Ort für die Lesung war bewusst gewählt worden, da Sardina während seiner Recherchen mehr als dreißig frühere Funktionsträger und Zeitzeugen interviewt hatte. Er kontaktierte unter anderem den heutigen Inhaber des Mörder-Cafés, welcher in den Achtzigerjahren an den einzigen Besuchen US-amerikanischer Jugendlicher an einer DDR-Schule, die bislang der Allgemeinheit und Fachwelt unbekannt waren, teilnahm. In der Runde von interessierten Gästen, Verleger Robert Eberhardt, der Doktormutter des Autors, Prof. Dr. Helene Decke-Cornill, entwickelte sich ein informeller Gedankenaustausch mit dem Autor. Neben einigen jüngeren Gästen, die die DDR nur aus dem Fernsehen, Filmen und Büchern kennen, nahmen auch ehemalige DDR-Bürger teil. Schnell kam man vom Kernthema des Buches auf den Alltag in den Schulen und die Umsetzung der von Margot Honecker formulierten Ziele zu sprechen. Einige frühere Fremdsprachenlehrerinnen erzählten aus ihrer damaligen Berufspraxis an der „Mildred Harnack EOS“, die eine zentrale Rolle in Sardinas Werk spielt, und vom Englisch- und Russischunterricht dort.


In einer Zeit, in der die letzte DDR-Generation heute ungefähr 30 Jahre alt ist, kann eine völlig distanzierte Einschätzung des DDR-Lebens vielleicht noch nicht möglich sein. Verleger und Autor diskutierten deshalb die Frage mit dem Publikum, ob es gelingen kann, vorurteilsfrei zur DDR aus Westperspektive (bzw. mit westlicher Sozialisation) zu forschen. Schnell kam man zur Einsicht, dass auch die ostdeutsche Sozialisation nach der Deutschen Einheit durch die kommenden Generationen weitergetragen würde. Auch mögliche Ressentiments der west-sozialisierten Bundesbürger gegenüber der DDR übertrügen sich noch einige Jahrzehnte lang weiter. Zugleich kann man aber natürlich als Westdeutscher die DDR seriös als Forschungsgegenstand bearbeiten, wenn man die allgemein akzeptierten Regeln wissenschaftlichen Arbeitens beachtet, wie es der Autor getan hat. Dass Sardina selbst mehrfach als Jugendlicher in der DDR zu Besuch und das andere Deutschland für ihn somit noch selbst erlebte Realität war, half ihm gewiss beim Verständnis bestimmter Details und war so eher hilfreich als hinderlich bei der Bearbeitung dieses Forschungsthemas.


Zum Abschluss konnten sich die Gäste vom Autor ein originales “Bienchen”, einen DDR-weit gebrauchten Stempel zur Belohnung von Fleiß und guter Mitarbeit in die Arbeits- und Hausaufgabenhefte von Grundstufenkindern, in ihre eigenen Exemplare des Buches einstempeln lassen. Sardina berichtete zuletzt von seinen zahlreichen Begegnungen mit dem früheren SED-Bezirksleiter Ost-Berlins, Günter Schabowski, der ihm unter anderem eine Kopie des berühmten Notizzettels aus der Pressekonferenz vom Abend des 9. Novembers 1989, der in der Nacht zur Öffnung der Berliner Mauer führte, einmal selbst geschenkt hatte. Dieses Zeitdokument hatte Sardina vervielfältigt mitgebracht, damit sich alle Gäste der Lesung ein Exemplar davon mit nach Hause nehmen konnten. 



Sardinas Sachbuch ist eine über viele Jahre akribisch zusammengetragene detailreiche Forschungsleistung, die zumindest für die nächsten Jahre für den Bereich der Fremdsprachenbildung in der DDR und für das tiefere Verständnis der Volksbildung in der SBZ und DDR im größeren historischen und politischen Kontext den aktuellen Stand der Forschung markieren wird.


Maximilian Gränitz

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