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Die Kampagne gegen Simon Strauß und der "Junge Salon"

Aktualisiert: 10. Feb 2018

Stellungnahme von Robert Eberhardt, Verleger des Wolff Verlags, zur Debatte um den Schriftsteller Simon Strauß und die Bewertung des Jungen Salons:


In der taz vom 9.1.2018 unternimmt Alem Grabovac den Versuch Simon Strauß anhand seiner Texte und seiner Projekte als neurechten Pamphlet-Schreiber zu denunzieren. Als Indiz einer versteckten politischen Agenda bei Simon Strauß wird auch der „Junge Salon“ angeführt, den ich mit ihm 2013 gründete (während eines Abendessens am Pool des Berliner Soho-Houses und nicht bei Pegida). Bis 2016 traf sich der Junge Salon meistens in den Räumen des Wolff Verlags.


Dazu folgende Stellungnahme, die in kürzerer Form auch als Leserbrief an die Redaktion der taz geschickt wurde:


Die rund 15 Mitglieder des Jungen Salons trafen sich einmal im Monat, um sich „zu wundern und zu fragen“. Wir luden Gäste ein: Rolf Hochhuth, Susan Neimann, Hanns Zischler, Lanna Idriss, Jan Wagner, Karl Schlögel, Matthias Weichelt, Jörg Baberowski, Niklas Maak etc. Die Mehrzahl unserer Gäste ist nicht einmal „konservativ“ zu nennen. Die Salon-Mitglieder vertraten selbst beinahe ausnahmslos und in nahezu überraschender Einhelligkeit linke Ansichten. Dies spielte aber ohnehin eine nebensächliche Rolle, weil wir wenig über Parteipolitik sprachen und immer an den grundsätzlichen Phänomenen der Wirklichkeit interessiert waren. Denn: die Realität ist größer als bundesdeutsche Innenpolitik.


Der Junge Salon war kein politischer Debattierclub, in dem Positionen abgeklopft wurden oder ein harter Wettstreit der Meinungen stattfand. Wir trafen uns in einem jugendlichen Verlag und nicht bei einer Partei-Jugendorganisation. Wir waren weder eine linke noch rechte Aktivistengruppe. Wir stellten unsere Fragen an das Leben und die Zeit, tranken Wein, läuteten eine Salon-Glocke, rezitierten Gedichte, verliehen Medaillen, sprangen in die Havel und schnitten uns dabei die Füße auf. Antworten gaben wir damals nicht.

2015 luden wir Götz Kubitschek ein, um mit ihm sein Gesellschaftsbild und seine politische Agenda zu diskutieren. Lange bevor er große mediale Aufmerksamkeit erhielt und jedwede Zeitung „home stories“ über ihn abdruckte, wollten wir mit ihm sachbezogen diskutieren. Erst danach wurde es politische Strategie „mit Rechten zu reden“. Einige Salonisten wünschten später, seinen Namen aus unserer Gästeliste zu streichen, weil sie dafür von Freunden kritisiert wurden oder angesichts simpler Beschuldigungsdynamiken Nachteile beim nächsten Bewerbungsgespräch befürchteten. Wir löschten den Namen nicht, weil wir nach ausgiebigen Diskussionen zur Auffassung kamen, dass unsere sachbezogene Diskussion richtig war. Wir konnten auf Kubitscheks Aussagen mit Gegenreden und Fragen reagieren und besser verstehen, wer die Menschen hinter dieser Gedankenwelt sind. Wir finden eine solche Diskussion bis heute wichtig und aufrichtiger als viele Reportagen großer Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die ihn später auf dem Rittergut Schnellroda beim Ziegen-Melken fotografierten/filmten.


Kubitschek schrieb später in seinem Heft „Sezession“ über seinen Besuch im „Jungen Salon“: Es hätte kein Verständnis gegeben, die Mitglieder des Jungen Salons seien postpragmatische „Delfine“, die auf den Wogen des Zeitgeistes schwimmen würden und wären nicht für seine Sache zu gewinnen gewesen.


Der Junge Salon war für alle Mitglieder ein besonderer Denkraum, in dem über Kunst, Literatur, Gesellschaft und Philosophie gesprochen wurde, ein Ort des freien Denkens, der regelmäßigen Begegnung und der Freundschaft. Dieser mit viel Zeit, Einsatz und Herzblut ins Leben gerufene und für drei Jahre durchgeführte Kreis strebte nie nach außen, wollte ein jugendliches Experimentierfeld sein, weit weg vom Kampfplatz öffentlicher Meinungsschlachten.

Nachdem es den Jungen Salon seit über einem Jahr nicht mehr gibt (er aber in verschiedenen Formaten Nachfolger fand) sollen die Worte des taz-Schreibers über ihn nicht die letzten sein, denn der Salon war ein Zusammenschluss, der sich einer einseitigen parteipolitischen Zuordnung entzog und in ganz anderen Bereichen angesiedelt war: in den suchenden und poetischen Traumwelten einiger Mittzwanziger!

Mindestens zwei der Salonisten gehören mittlerweile einer Partei an. Vielleicht engagieren sich auch weitere eines Tages in den Strukturen. Manche werden auch bei den Büchern verbleiben und beim Aufklappen von Buchdeckeln jene Beglückung erfahren, die anderen alle vier Jahre beim emanzipatorischen Wahlkreuz beschieden ist. Dies ist offen, dies ist Zukunft.


Notabene: Die aktuelle Debatte verwundert. Könnte der übersensible und denunziatorische Zug einiger Publizisten nicht gerade jene Entwicklungen befeuern, die sie zu unterbinden versuchen? Denn bei den Durchsuchungsaktionen nach „konservativen Vokabular“ wird leider in keiner Weise zwischen Interessen und Gesinnungen, zwischen ästhetischen Hinwendungen und politischen Bekenntnissen unterschieden. Muss ein Leser Ernst Jüngers eine bestimmte Partei wählen? Wohl nicht. Er muss auch gar nicht wählen. Im September 2017 traf ich auf Martin Schulz und sprach über den Wolff Verlag. Der einstige Buchhändler fragte nach der letzten Publikation. „Ein Buch über Richard Wagner und die Meistersinger von Barrie Kosky“. Er antwortete: „Besorge ich mir auch, aber gerade lese ich noch jeden Abend begeistert ‚Das Sanduhrbuch‘ von Ernst Jünger.“


Robert Eberhardt, 15.1.2018

Zur Debatte lesenswert ist auch folgender Artikel von Katharina Herrmann auf ihrem Blog 54books:https://www.54books.de/den-messias-in-der-bibel-lassen/

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