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Ezra Pound und der Alptraum der Geschichte

Nachtrag zu einer Übersetzung, von Florian Scherübl anlässlich der Veröffentlichung des von ihm erstmals ins Deutsche übertragenen Buches "Der Geist der Romantik", 334 Seiten, Wolff Verlag, 19,90 Euro.


Man kann Ezra Pound heute wiederentdecken und zwar als literarischen Autor. Diese Wiederentdeckung ist notwendig. Denn sie wird gerade von denen behindert, die heute meinen, diesem de-kanonisierten Schriftsteller Genüge zu tun, indem sie ihn als politische Gallionsfigur instrumentalisieren. Die Casa Pound und andere, die in der geistigen Schlacke einer alptraumhaften Vergangenheit feststecken, beziehen sich in der Gegenwart affirmativ vornehmlich auf den Faschisten Ezra Pound.


Diese politische Aneignung – die wie jede durch das Überspielen dessen geschieht, was nicht ins eigene Weltbild passt – ist im Grunde ein Affront gegen den Schriftsteller Pound: Sie lässt ihm größtes Unrecht widerfahren. Jenem „miglior fabbro“, der in The Spirit of Romance Seiten über Seiten mit der Darlegung von Dantes Paradies verbrachte und dessen letzte Canto-Drafts die Verse enthielten: „I have tried to write Paradise“. Ihm, der sich in der Nachfolge Dante auf die Spur göttlicher Liebe begab, nicht des irdischen Hasses. Weit weniger ironisch als François Villon, ein anderer von seiner Zeit versprengter, dem er in seiner poetologischen Schrift von 1910 ein sensibles Denkmal setzt, endet Pound damit, Abbitte zu leisten: „Let the Gods forgive what I / have made // Let those I love try to forgive / what I have made“.


Im Alter von 25 Jahren veröffentlichte Ezra Pound 1910 sein Buch "The Spirit of Romance", das nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurde.

Man muss nicht so weit gehen, Pound hier die lebenslänglichen persönlichen Verfehlungen seines Antisemitismus und Faschismus entschuldigen zu sehen. Und doch ist es gerade seine Literatur, welche als größtes Bollwerk gegen diese Verfehlungen erscheint. Die Literatur aber kommt bei einem Schriftsteller allein in Betracht; und bei Pound erhält man zeitweise den Eindruck, als wollte der stets unpersönliche Raum schwarzer Buchstaben auf weißem Papier die Sünden der Person auslöschen. Sartre, sonst nicht immer der beste Richter des geschriebenen Wortes, hat einmal konzediert, dass es unmöglich sei, einen antisemitischen Roman zu schreiben. Trotz der judenfeindlichen Konzeption von „Usura“, trotz der elitären, sich nur an Eingeweihte richtenden Anwandlungen des Dichters Pound: Die Cantos sind an keiner Stelle ein faschistisches Buch. Statt das Andere, das Fremde, das Nicht-Eigene zu verdammen, leben sie von seiner Einholung.


Da ist einmal der Übersetzer Pound. Er, der in den Canzoni von 1911 die Stimmen der Troubadours ins Englische seiner Zeitgenossen verwandelt und der – wie jeder Übersetzer – die Notwendigkeit kennt, von der eigenen Stimme, den eigenen Überzeugungen Abstand zu nehmen, um dem Fremden, das er aus der Schrift vernimmt, entgegenzukommen. Es ist ausgerechnet Pound, der wohl während der Arbeit am Spirit of Romance erstmals Bekanntschaft mit Heine macht (In Briefen an seine Eltern erbittet er ein nicht näher genanntes Buch Heines – angesichts der Troubadour-Thematik, mit der Pound sich auseinanderzusetzen hat, mutmaßlich Die romantische Schule... Oder gar der Romanzero mit Heines eigenem Troubadour-Rekurs, der auch noch im Jehuda ben Halevy steht?). Seiner Übersetzung eines Gedichts aus der Harzreise stellt Pound diesen Vierzeiler, Translator to Translated, voran:


O Harry Heine, curses be,

I live too late to sup with thee!

Who can demolish at such polished ease

Philistia´s pomp and Art´s pomposities!


Pound und Heine, a match made in heaven? In jedem Fall die Begegnung zweier Spätromantiker: Von einem, der sie nach eigenen Worten für Deutschland beschloss (Heine) mit einem, der sich, festhaltend an den Präraffaeliten, bisweilen ins Mittelalter zurücksehnte (Pound).


„I have tried to write paradise“

Nicht nur als Übersetzer nimmt Pound das ihm Fremde, das als Person von sich Abgestoßene auf (im Gegenzug zum Faschisten, der sein Selbst einzig ausbilden kann, indem er fortwährend von sich abstößt und der darum zutreffend als ‚abstoßend‘ charakterisiert werden muss). Die späteren Cantos sind nicht vorstellbar ohne einen durch den Sinologen Ernesto Fenellosa vermittelten Rekurs auf das Piktogramm, welches dem ideogrammatischen Schriftbild gegenübersteht, in Form chinesischer Schriftzeichen in es einbricht und die Konzeption eines beseelten poetischen Atems und des danteschen „intelleto“ mit einer ganz anders gelagerten Tradition konfrontiert. Wirksam sind in den späten Cantos so auch Pounds Studium von Konfuzius und eine Orientierung am fernöstlichen Denken, die in kaum einem Werk der klassischen Moderne reicher sein dürfte. Einen dritten Punkt hat Eva Hesse in ihrem letzten Buch über Pound angerissen („Ich liebe, also bin ich". Der unbekannte Ezra Pound, Berlin 2008): Der Logos – als Mittler zwischen Erkenntnis und Wort, Denken und literarischer Produktion – wird in Pounds Werk immer wieder mit der männlichen Befähigung zur Potenz enggeführt, dabei ein viriler Schöpfermythos errichtet, der sich in seiner Basis auf der aus den Troubadours im V. Kapitel des Spirit of Romance extrahierten Liebeskonzeption der Provence speist. Doch wird diese poetologische Prämisse durch die Ästhetik Pounds angefochten, die sich auf den Säulen der im ABC of Reading 1932 entwickelten „Trinität“ von Logopeia, Phanopeia und Melopeia errichtet: Einem maskulinen Vater-Logos stehen die Komponenten einer (im Westen seit Aristoteles als „weiblich“ ebenso deklarierten wie deklassierten) Materialität in Form von Schriftbild (Phanopeia) und Musikalität (Melopeia) gegenüber.


Oder um es mit einer Abwandlung des zentralen Bildes aus Pounds Dichtung the Flame, einer Chiffre für männlich-potente geistige Schöpferkraft, zu sagen: Die zum spirituellen Höhenflug in göttliche Sphären anhebende Flamme ist nichts ohne den Docht der Kerze. Pounds Dichtung verlässt sich in zwei seiner drei konstitutiven Prinzipien, Eva Hesse zufolge, gerade auf jene mit Julia Kristeva im Rahmen einer klassisch-okzidentalen Dichotomie als „weiblich“ begreifbaren, materiellen Komponenten, welche die Transzendenz des Vater-Logos verwirft.


Nicht zuletzt die inneren Widersprüche in Pounds Konzeption seiner Poetik führten also gerade zu einer zunehmenden Integration des Anderen, des dem Eigenen und der Virilität Fremden in sein Denken und Schreiben. Die Cantos nehmen die Gräuel des 20. Jahrhunderts auf, zu deren Komplizen Pound – etwa als Radiopropagandist in Mussolinis Italien – sich selbst gemacht hat. Zugleich versuchen sie den Weg zur Erlösung zu weisen: „I have tried to write paradise“. Traum und Alptraum, Hölle und Paradies liegen nahe beieinander.

Wie sagt Stephen Dedalus, nicht zufällig Schriftstelleraspirant, in einer unvergesslichen Formulierung des Ulysses, einem Buch dem Pound seine Unterstützung zuteilwerden ließ: „History is a nightmare from which I´m trying to awake.“ Die Dichtung könnte dieser schlafwandlerische Versuch sein, aufzuwachen.


Ezra Pound: "Der Geist der Romantik", aus dem Englischen von Florian Scherübl, 334 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, Wolff Verlag 2018, 19,90 Euro.







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