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Nachruf auf Rolf Hochhuth

von Robert Eberhardt.


Mit seinem über die Schulter geworfenen Sakko taucht Rolf Hochhuth im September 2012 bei einer Ausstellungseröffnung in den Räumen des Wolff Verlags Unter den Linden auf - für mich der erste leibhaftige Austausch mit einem Autor des Schulkanons, einem Relikt aus einer literarischen Vergangenheit, in der man der Literatur noch keinen Gefallen tat, indem man kein Buch veröffentlichte.


Viele Begegnungen in seiner Arbeitswohnung in der nahen Behrenstraße folgen. Die Papiere und Bücher stapeln sich auf Tischen und in den Ecken, überall hängen Listen mit Telefonnummern deutscher Zeitungsredaktionen, über die verrutschten Perserteppiche schwirren junge Schreiberinnen, Deutsche, Polinnen, eine Afrikanerin. Zu Beginn wird Vodka angeboten, manchmal auch Kakao mit Vodka, in kleinen Kristallbechern serviert. Die Sekretärin bei Rowohlt schreibe seinen Namen immer wieder falsch, bei jedem Anruf sage er ihr "Hochhuth mit drei h!". Und so schimpft er hier über alle und jeden, vor allem über seine Gegner vom Berliner Ensemble, das ihm die Wertheim-Witwe mit den Worten: "Wenn es ein Deutscher besitzen soll, dann Sie!" verkauft habe. Auf andere lässt er nichts kommen: Churchill, Piscator, Arendt, Jünger.


Ruhiger im Ton, berichtet er über seine Kindheit im osthessischen Eschwege und wie er als junger Buchhändlerlehrling im Frankfurter Hof auf Thomas Mann wartete und als dieser sich endlich aus dem Zimmer zu ihm in die Lobby bequemte, es ihm die Sprache verschlug und er somit kein einziges Wort an den Nobelpreisträger richten konnte. Sanft wird er auch wenn er über Preußen spricht, das ihm als Rückhaltefolie für alle zeithistorischen Analysen dient, über "Wilhelm den Letzten" und über seinen Lieblingsmaler Adolf Menzel.


Rolf Hochhuth bietet dem Wolff Verlag verschiedene Bücher an: zuallererst seinen Briefwechsel mit Ernst Jünger und Hannah Arendt, der aus verschiedenen Gründen leider nicht zustande kam und immer noch auf seine wissenschaftliche Edition wartet. Eine der Helferinnen druckt das Manuskript einer Anthologie aus: "Polemik und Poesie", mit dem Untertitel "Zwischen Sylt, Pentagon und Brandenburger Tor". Zu abgedreht. Was gelingt, ist ein Sammelband zu Anton Graff, für den Rolf Hochhuth einen Beitrag zusteuert. Als das Buch im Verlag vorgestellt wird, greift er sich einen Stuhl aus dem Publikum und setzt sich auf die nicht vorhandene Bühne. Doch dort, wo Hochhuth auftritt und loslegt, muss es ein Podium geben.



Einmal lädt er ins Café Einstein Unter den Linden. Ein österreichischer Geschäftsmann kommt kurz vor Schließung zu uns und fragt Hochhuth nach einem gemeinsamen Foto: "Sie sind doch Egon Bahr, oder?". Öfter aber möchte er in der Peking-Ente essen, dem chinesischen Lokal in eben jener DDR-Luxusplatte in der Wilhelmstraße, aus der heraus er drei Jahrzehnte wiedervereintes Deutschland kommentiert, publizistisch herausfordert und wo gleich zu Beginn "die Merkel" und "die Breuel" über ihm wohnten. Mit dem Ausblick auf das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und den Sonnenuntergang deutet er das überkopf gestellte Jahrhundert, von dem er mehr wusste als viele Autoren und mehr ahnte als viele Wissenschaftler seiner Generation. In der Peking-Ente knallt er schließlich ein Gedicht-Manuskript auf den Tisch, wie stets alles Ungedruckte in Times New Roman, Fettdruck:


Es war kein Wunder, dass Rolf Hochhuth oft in dieses vermeintlich harmlos-sympathische Lokal einlud, wo er über Glasnudeln und Reis gebeugt das Werden und Scheitern des Westens kommentierte, freidenkerische Analogien entwarf und lustvoll herumstänkerte. Denn mehr als das rein Literarische forderte ihn doch stets das Historische heraus und kennzeichnete seine wild-klugen Gespräche wie seine vielen Bücher, Polemiken und Streitschriften: den Wandel historischer Kennzeichen, das Manko der Deutschen, Absurditäten und Alltag der Weltenlenker, der Trieb der Männer und - die absolute Unfähigkeit der anderen.


An einem anderen Abend geht es in größerer Runde in den kroatischen Grill in den S-Bahn-Bögen an der Haltestelle Bellevue. Mit von der Partie sind einige Literaturwissenschaftler, darunter sein Freund und beschützender Herausgeber Gert Ueding aus Tübingen. Rolf Hochhuth schleudert mit geschichtsdeuterischen Waghalsigkeiten um sich, sodass uns die Cevapcici im Halse stecken bleiben. Und er bestellt eine Runde Sliwowitz nach der anderen. Aber von ihm hört man die Ein- und Auslassungen gern. Hochhuth war der erste Wutbürger der Bundesrepublik und die Inflation von "Querdenkern" hat ihn vielleicht sogar am letzten Tag ausrasten lassen.


Die Gespräche mit dem späten Rolf Hochhuth waren Abenteuer. Die Themen sprangen, Gedanken wanden sich, man musste sich plötzlich für Aussagen rechtfertigen, die man gar nicht getätigt hatte, um nicht aus der Wohnung geschmissen zu werden. Doch er fragte immer aufrichtig nach Befinden und Vorhaben des anderen, ein wahrhaftiges Interesse an den Dingen, Menschen und ihren Plänen, sicherlich auch an Deutschland. Die Treffen mit Rolf Hochhuth waren herrlich verrückt und aberwitzig - sodass man sich bei anderen "Unterhaltungen" danach oft nur noch langweilen konnte.


--> Anton Graff. Porträts eines Porträtisten. Mit einem Beitrag von Rolf Hochhuth, 2013, 22,90 Euro.

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