Suche
  • Admin

Vitaly Malkin in Naumburg

„Was bewundern Sie an Friedrich Nietzsche?“, fragte Professor Andreas Urs Sommer unseren Autor Vitaly Malkin neulich in Naumburg. Malkin war auf Einladung des Nietzsche-Dokumentationszentrum an die Saale gereist, um dort im Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse über Nietzsche zu sprechen und, nach viel Presseaufmerksamkeit anlässlich seines im letzten Jahr erschienenen Essays, persönlich zu erläutern, was er als russischer Autor an dem deutschen Philosophen schätzt.


Warum ein unabhängiger Geschäftsmann und ehemaliger Senator nicht auf einer Yacht vor der Côte d’Azur liegt, sondern viele Anstrengungen unternimmt, um mit Zeitgenossen über Friedrich Nietzsche ins Gespräch zu kommen - das war die Frage, die die rund 50 Besucherinnen und Besucher interessierte. „Ich mag Nietzsche, weil er ein entschiedener Denker ist. Bei ihm gibt es Schwarz und Weiß, klare Urteile, Eindeutigkeiten, genau das, was ich heute oft vermisse“, meinte der promovierte Physiker Vitaly Malkin.


Eine Schülerin der Landesschule Schulpforte, einst Nietzsches Gymnasium, las das Vorwort aus Malkins energischer Streitschrift „Gefährliche Illusionen“, das den Zuhörern einen Einstieg in sein feuriges Denken ermöglichte:

„Ich bin in den Krieg gegen die Chimären gezogen, auch wenn ich sehr wohl begreife, dass aus mir kein guter Feldherr wird. Es gibt um uns herum so viele und so mächtige Chimären, dass es für den Sieg schon jetzt einer ganzen Armee von Politikern, Philosophen, Historikern und gemeinen Freiwilligen bedürfte, die ich aber nicht habe. Alles, was ich tun kann, ist, die Dinge beim Namen zu nennen und die Menschen dazu aufzurufen, alles Mögliche dafür zu tun, sich von Hirngespinsten zu lösen“. 


Prof. Dr. Andreas Urs Sommer und Dr. Vitaly Malkin

Auf die Frage, wie er die aktuelle politische Lage einschätze, antwortete Malkin: Europa sei zur Zeit sehr schwach, Streit auf vielen Ebenen, die Idee der europäischen Gemeinschaft unter Beschuss, riesige Probleme durch den Migrationsdruck.


„Wegen der Buchmesse hielt ich mich im Herbst einige Tage in Frankfurt auf, spazierte durch die Stadt. Ich muss sagen, dass ich mich nicht wirklich sicher gefühlt habe. Am Bahnhof in Mainz wurde ich dann Zeuge eines Raubüberfalls, einer alten Dame wurde die Handtasche am Bahnsteig gestohlen; es hat aber keinen wirklich interessiert! Ich habe die Polizei gerufen! Das ist nicht das Deutschland, das in der Welt bewundert wird.“ Auf die Herausforderungen der Zeit würden die Nationen Europas eher mit langatmigen Diskussionen reagieren, jedes Wort ganz genau abwägen und wichten, und dabei zu selten handeln, meint Vitaly Malkin.


Er sei kein Philosoph, sondern nur ein schreibender Philanthrop, der die Welt gesehen hat und der Nietzsche für sich, seine persönlichen Herausforderungen und eben auch als Impulsgeber für gesellschaftliche Fragen unserer Gegenwart entdeckt habe. Was man von Nietzsche lernen kann und warum man Nietzsches Texte lesen soll? „Man kann von ihm das mutige Denken und Formulieren lernen“, verlautbarte Vitaly Malkin. Zu Lösungen käme man nur, wenn man alles radikal in Frage stelle, zunächst, um dann etwas Neues und Besseres zu errichten. Ein solch radikales Denken ließe einem vielleicht auch in existentiellen Niederungen zurück, denn schließlich sei auch Nietzsche letztlich verrückt geworden und umarmte in Turin weinend ein Pferd. Doch für Vitaly Malkin gibt es keine Alternative: Er habe vier Jahrzehnte in der „freien“ Sowjetunion gelebt und könne der Welt nur empfehlen eine absolute Freiheit zu erkämpfen und „die großartige kritische Tradition des Freisinns“ zu verteidigen.


Vitaly Malkin: Gefährliche Illusionen. Denkt! Für die Vernunft in unvernünftigen Zeiten. 464 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abb., 2018 erschienen, 21,90 Euro, ebook 9,90 Euro

0 Ansichten

© 2020 Wolff Verlag, Kulmbacher Straße 1, 10777 Berlin | Rußwurmsches Herrenhaus, 98597 Breitungen/Werra, kontakt@wolffverlag.de

  • b-facebook
  • Twitter Round
  • Instagram - Schwarzer Kreis